Keine „Angst“ vor STREIT – bringt dir RESPEKT!
(oder wie deine Wut dich trägt)
Trigger?
Was macht dies mit dir, wenn du diese Aussage liest: „Keine Angst vor Streit.“ Triggert dich der Satz? Denkst du: Nee, Streit ist böse, den will ich nicht. Oder denkst du dir: „Her mit der Keule! Wo gibt’s was zum Aufräumen?“
Streit? Nein Danke!
Ganz ehrlich. Ich will überhaupt keinen Streit. Mit niemand. Ich will Harmonie und bin am liebsten dort wo die Töne wohlig klingen. Dann kann ich mich entspannen. Das ist wie am Strand sitzen und dem Ozean lauschen. Oder wie ein leckeres Gericht, das deine Geschmacksknospen zum Blühen bringt. Kennst du? Ich wette mit dir. Ja.
Konzert mit falschen Tönen:
Stell dir vor, du hast dir eine Abo-Karte gekauft für eine Band für ein Jahr. Du kennst die Musiker und ihre Musik und auch das Konzerthaus, in dem sie spielen. Soweit so gut. Im Abo-Jahr passiert viel. Die Musiker wechseln und die Musik verändert sich. Außerdem spielen sie in einer anderen Location. Das hat Folgen: Die Stücke klingen anders, die Akustik ist fad. Kurz: Es gefällt dir nicht mehr.
Fragen:
· Bleibst du trotzdem im Konzertsaal sitzen? Vielleicht.
· Kaufst du dir eine neue Karte für die nächste Saison? Vermutlich nicht.
· Was ist, wenn die Band ein Statement abgibt und die negativen Veränderungen anerkennt und mitteilt was sie verändert?
Da spielt jemand falsche Töne!
Wechseln wir zurück in dein Leben. Sicherlich kennst du Situationen, in denen du dich unwohl oder ungerecht behandelt fühltest. Ich möchte eine Geschichte mit dir teilen, die mir vor mehr als 20 Jahren in einer beruflichen Situation passiert ist. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Mit einem Mann hätte man das nicht gemacht. Früher hätte ich das nicht so klar formuliert. Heute bin ich davon überzeugt, dass wir Frauen viel mehr solch subtiler Abwertung ausgesetzt sind als wir selber im Traume nur daran denken. Subtile Abwertung produziert schräge Töne.
Ich teile die Geschichte mit dir, um deine Aufmerksamkeit zu schärfen. Vielleicht hilft sie dir oder einer anderen – zum Beispiel jüngeren – Frau. Betrachte meine Erlebnisse daher lediglich beispielhaft. Ich war damals noch nicht so lange im Beruf und hatte nicht das Standing und die Erfahrungen wie jetzt. Ich händelte die Situation eher etwas unbeholfen und unprofessionell. Mit dem Ergebnis bin ich jedoch sehr zufrieden. Und es zeigt auch was es bedeutet, wenn Menschen, die eine missliche Situation verursacht haben, dann einlenken und bereit sind, eine kreative Lösung zu finden, die allen Interessen gerecht wird. Auch das schafft Respekt.
Was war passiert?
Mein Kollege und ich hatten jeweils ein etwa gleichgroßes Büro und wir waren offiziell hierarchisch auf gleicher Ebene angesiedelt. Er hatte ein bisschen mehr Erfahrung als ich und war promoviert (Dr. jur.). Eines Tages sollte die Sitzordnung im Gebäude geändert werden. Geplant war, dass wir vom 1. In den 2. Stock ziehen, da einer der Führungskräfte in Rente ging und die Räumlichkeiten umstrukturiert wurden.
Großes Büro – kleines Büro:
Es standen (angeblich) nur zwei sehr unterschiedliche Büros für uns beiden zur Verfügung. Eines so groß wie unsere bisherigen (ca. 18 qm). Das andere miniklein (geschätzte 6 qm). Nun dürft ihr raten, wer in welches Büro ziehen sollte. Richtig. Der Kollege ins „Chef-Büro“, ich in die „Abstellkammer“. So zumindest habe ich das damals empfunden. Der Kollege war happy, ich stink sauer. Ich fühlte mich respektlos behandelt, abgestellt, übergangen, gedemütigt. Denn es hatte niemand mit mir zuvor gesprochen.
Was ist schlimm am kleinen Büro?
Nun fragst du dich vielleicht: „Hä? Was ist schlimm daran in einem kleineren Büro zu sitzen. Antwort: Nichts. Ich wurde immer wieder gefragt, weshalb mir ein großes Büro denn sooo wichtig sei. Natürlich nur von Männern, von keiner einzigen Frau. Leute, habe ich gedacht, schnallt ihr´s nicht? Die Bürogröße hat was zu tun mit Respekt, Standing, Gleichbehandlung, Außenwirkung etc. Natürlich ist es nicht so entscheidend wie groß die Büros sind. Es kommt mir auf die Ungleichbehandlung an und die akzeptiere ich einfach nicht. Punkt.
Wut, Trauer, innere Kündigung:
Innerlich habe ich so getobt, dass mir die Tränen gekommen sind. Heulen im Büro, während du deinem Chef sagst, dass du mit der Büroverteilung nicht einverstanden bist. Unprofessionell. Egal, ich war wütend und konnte nichts gegen die Tränen tun. Ich sagte ihm: „Die Entscheidung gefällt mir nicht und ich empfinde sie als Frechheit.“ Können auch andere Worte gewesen sein. Bin aber schon sehr deutlich gewesen. Wie bitteschön werde ich denn wahrgenommen, wenn der Kollege in einem Riesenpalast sitzt und ich in einer Abstellkammer? Da nimmt mich doch keiner ernst.
Ich habe ihm meinen Unmut hingeknallt in einigermaßen zwar ruhigem aber emotionalen Ton und fest entschlossen. Meine Wut-Energie trug mich. Sie (die Wut) war es auch, die mir den Mut verschaffte, mich klar zu positionieren und meinen Unmut auszusprechen. Ich hätte mich sonst vermutlich nicht getraut, so deutliche Worte zu sprechen. Durch meine Wut hatte ich keine Angst vor Streit. Ganz ehrlich, dass mich meine Wut durchgetragen hat, das wird mir erst bewusst während ich am Rechner sitze und diese Zeilen hier schreibe. Verrückt. Eine Erkenntnis nach mehr als 20 Jahren. Die Wut war gut, obwohl ich meine Wut damals als sehr unangenehm empfand. Und dass ich Tränen in den Augen hatte auch.
Ø Kennst du solche oder ähnliche Situationen?
Ø Hat dich deine Wut auch schon mal durch etwas durchgetragen und Mut draus gemacht?
Ø Wie nimmst du dich wahr, wenn du wütend bist?
Ø Nimmst du deine Wut als Geschenk oder soll die lieber weg?
In dem Moment hatte ich für mich eine Entscheidung getroffen: Ich wollte meinen geordneten Rückzug antreten, mir einen neuen Job suchen. Denn diese Aktion wollte ich nicht mit mir machen lassen. Was konnte ich sonst tun? Nichts. Alles war gesagt.
Ø Wie hättest du dich in dieser Situation gefühlt?
Ø Wärest du ebenfalls wütend geworden? Oder hätte dich die Situation gar nicht berührt?
Die Wende:
So sehr ich mein Auftreten im Nachhinein als (leicht) unprofessionell betrachtet habe, so sehr hat es Wirkung entfaltet. Mein damaliger Chef kam nach ein paar Tagen zu mir, schloss die Tür hinter sich und bekannte sich als Verursacher der Misstöne. „Sie sind ja mit der Büroverteilung nicht einverstanden. Das war an Deutlichkeit nicht mehr zu überbieten. Sie haben das ja auch allen erzählt.“ (Stimmt. Das hatte ich). „Sie haben sogar mit Kündigung gedroht. Geben Sie mir ein bisschen Zeit. Ich lasse mir etwas einfallen.“
Respekt:
Du kannst dir nicht vorstellen, was für einen Unterschied dies für mich gemacht hat. Ich fühlte mich mit meinem Anliegen gesehen. Ich spürte Einsicht und Bereitschaft kreativ zu werden und eine konstruktive Lösung zu finden. Wow. Übrigens: zu keinem Zeitpunkt drohte ich mit Kündigung. Mein damaliger Chef konnte manchmal jedoch Gedanken lesen. Er hat es gespürt. Genauso wie ich es fühlen konnte, dass er ernsthaft eine andere Lösung finden wollte.
Die kreative Lösung:
Ein Mann ein Wort. Ca. drei Wochen später kam er mit einer Lösung um die Ecke. Und die war wirklich kreativ. Es wurde eine bisherige Kopierecke neben den anderen Büros abgetrennt und zu einem schönen Raum umgebaut. Dieser war zwar auch etwas kleiner. Aber darum ging es mir nicht. Ich fühlte mich damit respektiert in meiner Position und als Mensch. Und genau das machte den Unterschied.
Keine „Angst“ vor Streit schaffte mir Respekt:
Indem ich meinen damaligen Chef mit meiner Wut konfrontiert habe und ihn mit seinem Fehlverhalten, habe ich mir einen Namen gemacht. Ich habe mir nachhaltig Respekt verschafft, weil ich mir dies nicht habe gefallen gelassen. Das hatte Auswirkungen auf zukünftige Situationen und mein gesamtes Standing. Mit mir musste man ab sofort rechnen. Und das war auch gut so.
Gelebte Veränderung schafft Respekt:
Auch mein Respekt gegenüber meinem damaligen Chef wuchs. Zwar war er der Verursacher, jedoch war er bereit, sein Verhalten zu überdenken und tat dies auch. Er suchte nach einer guten Lösung und hielt sein Wort. Ich konnte mich auf ihn verlassen und das gab mir für die Zukunft sehr viel Sicherheit und Zufriedenheit im Job.
Trotz dieses Fauxpas ist er bis heute einer der bedeutendsten Menschen in meinem Berufsleben gewesen. Leider verstarb er viel zu früh. Doch ist es schön, dass ich mich durch diesen Blog-Artikel wieder an ihn erinnern und weitere Erkenntnisse aus der damaligen Situation für mich herausziehen kann.
Die Moral von der Geschicht´:
Steh auf, wenn dir etwas nicht passt. Es könnte nämlich gut werden. Nur gelebter Respekt hat ein wahrhaftiges Gesicht!
Wie denkst du darüber?
Ø Welche Erkenntnisse ziehst du für dich aus dieser „alten“ Geschichte?
Ø Hast du vergleichbare Erlebnisse?
Ø Teile deine Gedanken mit mir.
Ich freue mich auf dich.
Wir stehen ZUSAMMEN – wir VERHANDELN.
Deine Regina