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Entschuldigung am "Arsch"

 

Kennst du solch eine Situation?

 

Du fühlst dich respektlos behandelt. Du wurdest vorgeführt, belächelt oder sogar emotional verletzt. Vielleicht offensichtlich, vermutlich eher subtil. Vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst. Egal. Das Ergebnis ist das Gleiche. Denn du merkst: Hier stimmt was nicht.

 

Nein!

 

Dies ist keine Einbildung. Du bist auch nicht zu empfindlich. Es ist einfach so. Da hat dich jemand scheiße behandelt. Vertrau dir und deiner Wahrnehmung. Warum sollte sie falsch sein? Bloß, weil sich jemand dir gegenüber ohne pardon solch ein Verhalten herausnimmt? Nein!

 

Pardon! Das funktioniert so nicht!

 

Pardon ist übrigens ein gutes Stichwort: Nehmen wir an, du erlaubst deinem Gegenüber sein Verhalten nicht und setzt eine klare Grenze. Stopp! Wie solch eine Grenze wirkungsvoll gesetzt werden kann, darum geht es in diesem Artikel nicht. Ist aber auch ein spannendes Thema. Nur so viel: Klare Ansage machen. Nehmen wir weiter an, dein Gegenüber „wacht auf“ und bemerkt, was sein Verhalten ausgelöst hat. Vielleicht gefällt ihm auch deine Reaktion darauf nur nicht. Er entschuldigt sich. „Sorry, war nicht so gemeint.“ Oder ganz förmlich: „Ich entschuldige mich für mein Verhalten. Das war nicht in Ordnung.“ Klimper, klimper, Dackelblick oder „schau mir in die Augen, Kleines, und sei wieder lieb zu mir.“

 

Sorry? No sorry!

 

Ist dann wirklich alles wieder gut? Das respektlose Verhalten eliminiert, Schwamm drüber, ausgelöscht, weggewischt und transformiert? Ach, denkst du dir, ich will nicht nachtragend sein. Immerhin hat er seinen Fehler eingesehen. Wenn sich jemand entschuldigt, dann muss man das auch anerkennen. Ernsthaft? Wie fühlt sich das an?

 

Das Bild hängt schief!

 

Bitte sei ganz ehrlich zu dir selbst. Funktioniert eine bloße Entschuldigung für dich? Oder bleibt etwas zurück? Wut, Verärgerung, Misstrauen, Angst? Ich sag´s dir. Es funktioniert nicht. Entschuldigung am „Arsch“. Warum? Weil das Bild schief hängt. Die Balance ist nicht hergestellt. Und du musst nicht locker durch die Hose atmen und allein das schiefe Bild ausbalancieren. Das geht nämlich nicht. Je größer und schwerer das Bild, desto weniger kriegst du das alleine an der Wand austariert.

 

Am eigenen Leib:

 

Ich würde nicht so drastisch daherreden, wenn ich mich nicht im vergangenen Jahr genau mit solchen Situationen näher hätte auseinandersetzen müssen. Weil mir das Leben diese direkt vor die Nase gesetzt hat. Meine gewonnenen Erkenntnisse möchte ich gerne mit dir teilen. Schau jedoch selbst, ob sie mit dir resonieren.  

 

Was war passiert? Ein Beispiel aus meinem Leben!

 

Ich war bei einer Veranstaltung und traf dort auf einen Mann. Der war ganz nett aber auch „wichtich – popichtich“ am Erzählen. Oh nein, ich wollte nicht zugetextet werden. Nicht brav zuhören, bloß um nett und höflich zu sein. Hatte ich ihm erlaubt, mich zuzutexten? Nein, und setzte einen Punkt. Er war nicht damit einverstanden, wollte weiterreden. Ich nochmal „Punkt“. Daraufhin hat er mich beleidigt. In Anwesenheit zweier Frauen, mit denen ich dort war. Und ging weg. Pfff.

 

Einsicht – echt oder Fälschung?

 

In der Pause trafen wir erneut aufeinander. Ich wartete in der Schlange für Essen und Getränke und unterhielt mich mit einem anderen Mann, den ich kenne und dem ich dort zufällig begegnete. Die beiden Männer kennen sich auch, wie ich mitbekam. Interessant. Vor allem für die weitere Entwicklung des Abends.

 

Plötzlich kam Mann 1 auf mich zu und sagte zu mir: „Ich muss mich bei dir entschuldigen. Das war vorhin nicht in Ordnung wie ich dich behandelt habe.“ „Stimmt“, sagte ich, „das war nicht in Ordnung. Aber woher weiß ich, dass du die Entschuldigung wirklich ernst meinst?“

 

Bäm. Treffer gelandet:

 

Er: „Wenn ich Entschuldigung sage, dann meine ich es auch so. Warum sollte ich es sonst sagen?“ Aha! Glaubte ich ihm? Soll ich ihm glauben? Fragen über Fragen! „Reden tun viele Leute, bloß, was ist echt?“, erwiderte ich. Daraufhin er: „Wenn ich es nicht ernst meinen würde, dann hätte ich mich nicht entschuldigt.“ „Okay“, sagte ich, dann will ich es dir mal glauben.“ Habe ich ihm das geglaubt? Nein!

 

Worin liegt sein Vorteil?

 

Was fühlst du, wenn du diese Story liest? Wir zerlegen weiter. Hast du dich schonmal gefragt, welchen Vorteil jemand damit verfolgen könnte, wenn er sich bei dir entschuldigt? Geht es wirklich um DICH? Oder geht es eher um ihn? Welchen Vorteil also hatte Mann 1, wenn er sich bei mir entschuldigt?

 

Ø  Er steht vor sich selbst gut da, weil er den Schneid hat sich zu entschuldigen!

Ø  Er steht vor mir gut da, weil er seinen Fehler eingesehen hat und ich mit ihm „wieder gut“ bin!

Ø  Er nimmt mir die Möglichkeit, bei meinem Bekannten (Mann 2) „schlecht“ über ihn zu reden, weil er sich ja entschuldigt hat für seinen Fehler.

 

Entschuldigung am Arsch!

 

Merkst du was? Es ging nicht um MICH. Er wollte nicht MIR etwas Gutes tun als Ausgleich für sein respektloses Verhalten. Sondern allein SICH selbst. Natürlich entspringt diese Wertung meiner Interpretation, denn ich habe keinen direkten Zugang zu seinem Bewusstsein. Vielleicht hat er es nicht mal selbst. Also kann ich es nicht mit Sicherheit sagen. Jedoch sprechen Indizien für die Richtigkeit. Und darum geht es mir. Dir und mir ein Bewusstsein für solche Dynamiken zu vermitteln. Pass auf dich und deinen Seelenfrieden auf.

 

Lass dich nicht mit „Entschuldigungen“ abspeisen:

 

Lange habe ich gedacht, wenn jemand sich entschuldigt hat für etwas, dass dann wieder alles gut sein sollte und ich nicht nachtragend sein darf. Denn das ist ein „schlechter“ Charakterzug. Nachtragend. Pfui Teufel. Wenn noch was festhängt, dann ist es allein MEIN Problem. NEIN! Das ist es NICHT. Aber da viele von uns so geprägt sind, nehmen wir eine gesprochene Entschuldigung als solche an. So wurden wir erzogen. Er hat sich doch entschuldigt, seinen Fehler eingesehen. Lass doch gut sein.

 

Gelebte vs. gesprochene Entschuldigung:

 

Ein kleiner Vergleich aus meiner Jugend zum Thema gesprochen oder gelebt: Als ich dreizehn war, bin ich mal mit jemandem „per Wort“ liiert gewesen. „Willst du mit mir gehen?“ „Ja.“ Also waren wir ein Paar. Aber wir waren kein Paar, denn wir haben uns nicht mal in der Freizeit getroffen, sondern nur in der Schule miteinander geredet. Sonst passierte auch nichts. Kein Kuss, kein Kuscheln. Nichts. Aber wir waren zusammen. Wirklich? Es wurde nur GESAGT. Genauso wurde die Entschuldigung nur GESAGT, jedoch nicht gelebt. Behaupte ich jedenfalls mal ganz frech an dieser Stelle. Peng.

 

Was macht eine Entschuldigung ECHT?

 

Eine Entschuldigung ist nur dann echt, wenn es um den Geschädigten geht, in dem Fall der obigen Story also um MICH. Nein, das ist kein Ego-Dingsbums. Es ist ein Naturgesetz. Alles muss in Balance sein. Diese Idee der naturgesetzlichen Balance hat sogar der Gesetzgeber z.B. ins BGB übernommen. Danach muss bei einem verursachten (materiellen) Schaden ein Ersatz gezahlt werden. Von dem Verursacher. Schadensersatz. Kennst du, oder?

 

Ausgleich!

 

Was also hätte geschehen müssen, damit ich dem Mann die Entschuldigung abgenommen hätte bzw. was hätte die ECHTHEIT seiner Worte gezeigt? Richtig! Eine Entschädigung, eine Kompensation, eine Wiedergutmachung, um den Schaden, den er angerichtet hat, tatsächlich zu beseitigen. Klar, selbst dann wissen wir nicht zu hundert Prozent wie echt es wirklich war. Stimmt schon. Jedoch ist es eine Aktion, die etwas mehr von ihm abverlangt hätte. Diesen Schritt muss ja auch erstmal jemand gehen.

 

Da wir sowieso gemeinsam an der Bar standen und sowohl er wie ich Getränke bestellen wollten, hätte er mich ganz einfach zu einem Drink einladen können. „Komm, ich lade dich ein. Ich möchte es wieder gut machen. Nimm es als Wertschätzung, die ich vorher nicht hatte.“. Ja, es ist sehr viel „Hätte-hätte-Fahrradkette“ in diesem Artikel enthalten. Aber spür mal rein wie sich das anfühlt für dich? Gleich oder anders im Verhältnis zur bloßen gesprochenen Entschuldigung?

 

Ich hab´s versäumt:

 

Weißt du, ich hatte sogar den Gedanken, ihm zu sagen: „Hey, zumindest könntest du mir jetzt einen ausgeben.“ Okay, das allein hätte vermutlich gar nicht so viel ausgerichtet. Aber willst du einer Person, der du gerade erst begegnet bist, die Welt erklären? Das hätte es vermutlich gebraucht, um bei ihm anzudocken. Falls er es hätte nehmen können. Von meiner Seite fühlte sich das auch irgendwie komisch an, die Kompensation einzufordern. Seine Reaktion wäre jedoch interessant gewesen.

 

Entschuldigung am Arsch:

 

Was meinst du: Hätte ich die Entschuldigung zurückweisen sollen mit den Worten: „Ganz ehrlich, ich nehme sie nicht an. Ich fühle nicht, dass sie echt ist. Für eine wahre Entschuldigung braucht es mehr. Hier ist meine Visitenkarte, kontaktiere mich, wenn du drüber nachgedacht und die Entscheidung getroffen hast, die Sache geradezurücken.“

 

Was meinst du? Wäre das eine Idee? 

 

Für echte Transformation braucht einen dritten Schritt:

 

Wenn es jemandem wichtig ist, sein Verhalten zu ändern, also Frauen (beispielhaft gesprochen) nicht nur zuzutexten und unverschämt zu behandeln, sondern ihnen als Mann respektvoll begegnen will, dann braucht es eine Strategie wie das Verhalten verändert werden kann. Aber das geht natürlich nicht zwischen Tür und Angel. Außerdem müsste es derjenige ja selbst wollen. Denn wir können Veränderung für niemand anderen wollen außer für unser eigenes Verhalten. Es wäre ein Thema für einen neuen Blog-Artikel.

 

Die Umkehr – ich fasse mir an die eigene Nase:

 

Nun wird es aber doch noch einmal spannend. Es kann natürlich sein, dass auch ich und du und du mal etwas gemacht haben, das nicht ganz „sauber“ war und du im Nachhinein denkst: „Hm. Da handele ich das nächste Mal anders.“ Dann kannst du natürlich ebenfalls in dich horchen, reflektieren und eine „Entschädigung“ anbieten. Das habe ich kürzlich gemacht. Es war jedoch eine komplett andere Situation. Ich hatte eine Aufgabe aus den Augen verloren, die ich frühzeitiger für jemanden hätte erledigen sollen.

 

Ich erinnerte mich an die Situation mit Mann 1 in der obigen Geschichte. Andere Vorzeichen. Nun war ich selbst gefordert etwas zu tun, um Balance herzustellen. Was habe ich gemacht?

 

Ø  Keine Ausrede vorgebracht, weshalb ich das nicht früher erledigen konnte.

Ø  Zugegeben, dass ich es aus den Augen verloren habe und es meine Verantwortung ist dafür zu sorgen, dass dies nicht passiert.

Ø  Mich bei der Person entschuldigt.

Ø  Und ihr gesagt: „Du hast einen gut bei mir!“

 

Es braucht noch einen dritten Schritt:

 

Damit das Ganze eine nachhaltige Veränderung bringt, braucht es sogar noch einen dritten Schritt. Welcher könnte das sein? Hast du eine Idee? Ich lasse das an dieser Stelle mal stehen und freue mich auf deine Ideen dazu. Lass uns im Austausch bleiben und uns gegenseitig inspirieren.

 

Dein Feedback ist mir wichtig:

 

Lass mir gern auch Feedback dar, ob dir mein Artikel irgendwie weitergeholfen oder dir neue Erkenntnisse verschafft hat. Ich freue mich über deine Gedanken.